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weibliche Opfer

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  Aspekte eines weiblichen Opferseins

Täter- und Opferanteile sind jedem Geschlecht zu eigen. Im Folgenden soll ein Stück der Frage nachgegangen werden, warum sich eher eine stärkere Ausprägung der Opferhaltung auf der weiblichen Seite und eine Täterhaltung auf der männlichen Seite erkennen lässt.

Grundsätzlich lässt sich anmerken, dass menschliche Reaktionen nie unabhängig vom Geschlecht, ethnischem Hintergrund und persönlicher Geschichte sind. Weibliche und männliche Psyche kann man von den patriarchalen Unterdrückungsstrukturen gezeichnet betrachten. Die Spuren wirken als internalisierte Struktur (Rhode-Dachser) weiter, auch da, wo durch emanzipatorische Veränderung diese Strukturen äußerlich entfallen sind.

Die Kindheit eines Mädchens kann in unserer Kultur als eine Schulung in OpferSein und OpferWerden wahrgenommen werden. Viele Frauen halten dieses Beziehungsmuster später ganz besonders in Liebesbeziehungen bei. Die Prägung zeigt sich darin, wie schwer es vielen Frauen fällt, im Zusammenspiel zwischen Selbsthingabe und Selbstbewahrung zu leben. In der Regel sind Frauen Expertinnen, wenn es darum geht, sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern. Eigene Bedürfnisse zu identifizieren und selbstbewusst zu vertreten, fällt ihnen dagegen schwer. Sie haben gelernt, passivabhängige Verhaltensweisen in den Vordergrund zu stellen, um andere zu beschützen und das Gleichgewicht von Systemen aufrecht zu halten. Diese Verhaltensweisen lassen Frauen aushalten und verharren. Das Kollektiv will es so.

Die Verhaltensweisen treten meist unbewusst auf, ohne das sie klar erkannt werden. Frauen haben gelernt, sich möglichst nicht zu autonomen, selbstbestimmten Persönlichkeiten zu entwickeln. Dies wäre für viele Männer kränkend. Ihr abhängiges Verhalten ist ein unbewusstes Geschenk oder Opfer an diejenigen, die sie lieben; sie opfern ihr eigenes Selbst, so dass der andere mehr Selbst gewinnen kann (Lerner).

Passiv- abhängige Verhaltensweisen werden von Frauen kultiviert. Die Prägung findet in der Familie statt, in der das kulturelle Gut entsprechend weitergegeben wird. In Familien, in denen die Mütter selbst in ihrer Persönlichkeitsentwicklung blockiert waren, halten die Töchter eher an den passivabhängigen Verhaltensweisen fest. Bleibt eine Tochter bei der Mutter, ist nett, brav und kontrollierbar, konfrontiert sie die Mutter nicht mit ihrem eigenen gestrandeten Leben. Sie leisten der Mutter mit ihren Verhaltensweisen einen TreueEid, dass sie in der Kinderrolle bleiben werden, so als kämen ihre eigenen Bemühungen um größere Abhängigkeit und Autonomie einem Vertrauensbruch oder Verrat gleich.

Dieses Verhalten setzt sich im Erwachsenenalter in eigenen Beziehungen meist fort und hat die Funktion andere Familienmitglieder zu schützen. Frauen, die es dennoch schaffen, Dinge für sich zu erstreben, die der vorherigen Generation von Frauen nicht zugänglich waren, sind nicht selten mit Ängsten und Schuldgefühlen konfrontiert.

Die andere Wahl, sich selbst in das Zentrum der Liebesbemühungen zu stellen, erfordert Beharrlichkeit, manchmal auch Wut. Der Versuch, die Situation (für sich) zu verändern, bedroht Frauen damit, nirgendwo hinzugehören.

Frauen befinden sich also einerseits in der Opferrolle, werden auf der anderen Seite aber auch zu weiblichen Mittätern, weil sie mit ihrem Verhalten bei der Herstellung und Aufrechterhaltung der bestehenden Geschlechterverhältnisse mitwirken. Die Wahl der Frauen liegt darin, sich der Tatsachen bewusst zu werden, die Freiheit zu wagen es sich zu gestatten Autonomie zu entwickeln und selbständig zu handeln. Denn wo Liebe und Freiheit im Zusammenspiel sind, gibt es das OpferSein nicht.

Löst man sich von dem äußeren Eindruck, dann kann davon ausgegangen werden, dass Frauen und Männer über das selbe Niveau psychischer Differenziertheit und Autonomie verfügen.

Opfer und Täter in extremen Gewaltsituationen

Praxis Dipl.Psychologe Hans Jörgen Wevers


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