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Hier und Jetzt

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© Mandalon Verlag 1996- 2006.

Hier und Jetzt - Vergangenheit - Zukunft

Bei Überlegungen zum Thema Zeit bin ich auf einen Text von Erich Fromm gestoßen, der vieles von dem, was ich dazu sagen könnte, in präziser Weise zusammengefasst hat. Im folgenden beziehe ich mich auf den Text aus seinem Buch "Haben oder Sein".

Unser Empfinden und Verstehen von Zeit kann deutlicher werden mit den Begriffen "Sein" und "Haben". Wenn wir uns auf die Existenzweise des Seins beziehen, dann gibt es nur ein "Hier und Jetzt", nur in der Existenzweise des Habens bekommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihren Sinn.

Befasst sich der Mensch mit Haben, ist er gebunden an das, was er in der Vergangenheit angehäuft hat: Geld, Land, Ruhm, sozialer Status, Wissen, Kinder, Erinnerungen. Er kann ganz seine Vergangenheit werden, indem er versucht, sich an vergangene Gefühle zu erinnern, sie in sich wachzurufen, sich damit zu identifizieren. Er kann dann sagen: "Ich bin, was ich war."

Genauso kann der Mensch seine Vergangenheit vorwegnehmen. Die Zukunft ist dann die Vorwegnahme dessen, was Vergangenheit werden wird. Man erlebt dann in seiner Phantasie und in seinem Gebaren, etwas zu haben, obwohl man es jetzt noch nicht hat. Das fundamentale Erlebnis des Habens ist für die Zukunft dasselbe wie für die Vergangenheit.

Wo Vergangenheit und Zukunft aufeinander treffen, an dieser Grenze entsteht, existiert Gegenwart. Die Gegenwart ist eine Grenzsituation der Zeit, die aber qualitativ nichts anderes ist als die Vergangenheit und die Zukunft.

Es gibt Erlebnisse, Zustände im Menschen, die scheinen nicht mit Zeit messbar. Das Erlebnis des Liebens, der Freude z.B. geschieht nicht in der Zeit, sondern im "Hier und Jetzt". Existentielles, Manifestationen des Seins stehen nicht außerhalb der Zeit, aber es ist nicht die Zeit, die sie beherrscht, die ihr ihren Maßstab aufdrücken.
Eine Idee, ein Werk entstehen im Augenblick oder in vielen Augenblicken, sie zu verwirklichen, z.B. einen Text zu schreiben, erfolgt innerhalb der Zeit. Der schöpferische Moment liegt außerhalb von Zeit. Bildet sich ein Werk in einem Menschen, entsteht eine "Vision" seines Werkes, das er erschafft, dann transzendiert die Zeit. Im "Hier und Jetzt" des Augenblicks ist gleichzeitig die Ewigkeit, d.h. die Zeitlosigkeit und nicht die ins Unendliche verlängerte Zeit.

Wer über seine Vergangenheit nachdenkt, darüber grübelt, sich erinnert, für den ist die Vergangenheit tot. Man kann die Vergangenheit wieder erschaffen, ins Leben zurückrufen, man kann eine Situation in aller Frische erleben, als geschehe sie im "Hier und Jetzt".
So weit einem das gelingt, hört die Vergangenheit auf Vergangenheit zu sein, sie ist das "Hier und Jetzt". Dies kann auch mit der Zukunft geschehen, wenn ein zukünftiger Zustand im Bewusstsein so vollkommen vorweggenommen wird, dass man in seinem subjektiven Erleben zwischen Zukunft und Gegenwart nicht mehr unterscheiden kann. Es handelt sich dann nur noch als äußeres Faktum um Zukunft. So ist in der Seinsweise des "Hier und Jetzt" Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart als eins existent und subjektiv nicht mehr unterscheidbar.

Die Begriffe Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, das heißt, das Kontinuum der Zeit ist wegen unserer körperlichen Existenz unvermeidbar. Begrenzte Lebensdauer, konstante Bedürfnisse unseres Körpers, der versorgt werden muss, die physische Welt müssen wir in ihrem SoSein gebrauchen, um uns zu erhalten.

Wir sind sterblich und können der Zeit nicht entfliehen. Wenn wir leben wollen, zwingen uns die Rhythmen von Tag und Nacht, Schlafen und Wachen, Wachsen und Altern, Sommer und Winter die Zeit zu respektieren. Unser Körper will, dass wir leben.

Die Zeit zu respektieren, ist eine Notwendigkeit, sich ihr zu unterwerfen, ist ein freiwilliger Akt.

In der Existenzweise des Seins respektieren wir die Zeit, aber wir unterwerfen uns ihr nicht. Der Respekt verwandelt sich in Unterwerfung unter die Zeit, wenn die Existenzweise des Habens dominiert. Dabei wird alles Lebendige zum Ding. Die Zeit wird zu unserem Beherrscher.
In der Existensweise des Seins ist die Zeit entthront; sie ist nicht länger Tyrann, der unser Leben beherrscht.

In der Gesellschaft der Maschinen und Computer ist alles dem Diktat der Zeit unterworfen. Alles, was getan wird, wird in Zeitspannen gemessen, verglichen. Zeit ist nicht mehr nur Zeit, Zeit ist Geld. Die SeinsWeise des Habens drückt uns ihren eigenen Rhythmus, den Rhythmus der Maschinen und Computer auf.

Die Zeit ist immer mehr zur Beherrscherin des Menschen geworden. Nur in der Freizeit scheint der Mensch noch eine gewisse Wahl, zu haben. Doch meistens organisieren die Menschen ihre Freizeit wie ihre Arbeit oder rebellieren gegen den Tyrannen Zeit durch völlige Faulheit, indem sie nichts tun, als die Forderungen der Zeit zu missachten und die Illusion einer Freiheit zu nähren, während sie in Wirklichkeit nur für einen Tag dem Zeitgefängnis entronnen sind.

Aus Erich Fromm, Haben oder Sein, 1976 Erich Fromm

Praxis Dipl.Psychologe Hans Jörgen Wevers


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