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geschenkte Blume

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© Mandalon Verlag 1996- 2006.

Geschenkte Blume ( Prof.Dr. Dieter Zilleßen)

Versuch mit einem Gedicht von Guiseppe Ungaretti.

Ich fand ein Gedicht. Von Guiseppe Ungaretti. Italiener. In Alexandria 1888 geboren, in Mailand 1970 gestorben.

Ungarettis frühe Gedichte tragen die Leichtigkeit Italiens in sich; sie haben die Heiterkeit des Chaotischen und die Lust des Dramatischen in ihrer Sprache. "Allegria die naufragi" (" Freude der Schiffbrüche") hieß die erste Gedichtsammlung. Allegria, munteres Tempo des Lebens, unbesonnenes Suchen, den Boden zu verlieren - fehlt es nicht immer da, wo Korrektheit, Ordnung und Besonnenheit vorherrschen? Was haben Neapel und Mailand mit Köln und Castagneto Carducci mit Düsseldorf zu tun?

Gedicht von Guiseppe Ungaretti

      Ewig
      Zwischen einer gepflückten Blume und der geschenkten
      das unausdrückbare Nichts
       

      Eterno
      Tra un fiore colto e l`altro donato
      l`inesprimibile nulla

Mit Eterno (Ewig) beginnt das Gedicht. Dieser Titel steht als Anfang in formaler Beziehung zum Ende - nulla (Nichts). Ewig Nichts? Ewig das unausdrückbare Nichts?

Welchen Sinn ergibt diese Beziehung von Anfang und Ende, von Titel und hartem Endpunkt?

Eine gewisse Irritation stellt sich ein. Eterno (Ewig) trägt im allgemeinen andere, oppositionelle Konnationen (Bedeutungsgehalte) im Vergleich zum Wort nulla (Nichts): Ewig ist die Dauer, die unaufhörliche Abfolge von Werden und Vergehen, das Unsterbliche, Zeitlose, Göttliche. Als "Nichts" gilt demgegenüber das Vergängliche, der Schein, der Augenblick, die Welt, der Mensch.

Doch dieses alte platonische oder neuplatonische Schema kann dem Gedicht nicht gerecht werden. Eine gepflückte Blume und die geschenkte stehen hier gegenüber. Ihr Gegensatz, ihr Zwischen, ist unausdrückbares Nichts genannt. Die Opposition von eterno und nulla wird aufgehoben.

Blumen pflücken und Blumen schenken: Die Aufmerksamkeit wird von philosophisch-philologischer Spekulation auf etwas Alltägliches, zumindest fast Alltägliches gelenkt, auf Festliches im Alltag, auf Alltägliches bei Festen. Auf Bemerkenswertes und Banales, auf Besonderes und Normales, auf Begegnungen zwischen Menschen, auf Jubiläen, auf Geburtstage. Und auf Hochzeiten.

Blumen kaufen und schenken: Pflücken oder kaufen. Macht es einen Unterschied? Fast übersehen wir ihn. Die Grundhaltung des Kaufens ist uns in Fleisch und Blut gegangen. Jemand hat, jemand besitzt, was ich in meinen Besitz bringen muss, um es verschenkend einem anderen zum Besitz zu geben. Verschenken - die sprachlichen Verweise in solchem Handeln sind deutlich genug. Das Präfix diskreditiert Aktion und Objekt. Was ich verschenke, hat wohl weniger Wert für mich. Bedeutsames behalte ich. Verschenken, verschleudern, vergeuden. Besitz soll nicht vergeudet werden. Etwas vom Hauch des Perversen am Verschenken haftet unmerklich auch dem Schenken noch an. Jedenfalls in unserer Kreditkartenkultur.

Eine gepflückte Blume. Gepflückt ist das neue Eigenschaftswort einer Blume, die keine mehr ist. Mit dieser grammatikalischen Formulierung wird ihr alles abgesprochen, was sie einmal war. Dennoch wird das Neue, die gepflückte Blume, durch das bestimmt, was vorher war: irgendeine lebende Blume, die nicht darauf wartete, von einem bestimmten Menschen gepflückt zu werden. Ihr Name Blume verband sie mit allen wachsenden Blumen, eine Malve mit Malven, eine Rose mit Rosen. Als eine gepflückte Blume hat sie nichts mehr von ihrem früheren Zustand - außer Äußerliches, Hülle, Schein, der nur vortäuscht, was nicht mehr ist. Sie hat verallgemeinernd Anteil an toter Gegenständlichkeit. Sie ist noch nicht die Blume, die geschenkte Blume.

Ganz anders verhält es sich mit der geschenkten Blume. Der bestimmte Artikel weist ihr Individualität zu: l`atro donato.

Ebenso wenig wie die Aktion des Pflückens ist das Schenken hier wesentlich. Es geht um die Blume, allerdings um die geschenkte Blume. Das Schenken als solches ist beendet, vollzogen, vergangen. Nun befindet sich die " Blume" in der Hand des oder der Beschenkten. Oder in der Vase. Oder sie wurde achtlos beiseite gelegt. Wie das Geschenkte auch immer geachtet oder missachtet wurde -, die geschenkte Blume bleibt, was sie ist. Den Beschenkten hat sie verwandelt. Vorher war er kein Beschenkter und sie keine Beschenkte. In der geschenkten Blume kann er, kann sie sich anders wahr-nehmen als vorher. Die geschenkte Blume ist zum Symbol geworden. Auch der, der geschenkt hat, wird in der geschenkten Blume als ein anderer gesehen.

In solcher Begegnung zwischen Menschen wird vermittelt und zur Darstellung gebracht, worauf die geschenkte Blume verweist. Sie verweist auf Freundschaft, Zuneigung oder auch Liebe, auf Annäherung, auf konventionalisierte Begrüßungsrituale, auf verkrustete oder lockere Umgangsformen, auf Geschenkzeremonien.

Jeder weiß zu genau, welche "ewigen" Probleme den zwischen-menschlichen Bereich bestimmen. Die Symbolik der geschenkten Blume weist auf die ambivalente Erfahrung zwischen Menschen hin; sie ist selbst ambivalent. Sie verweist auf bestätigte oder enttäuschte Erwartungen, aber auch darauf, dass das Ritual des Schenkens Erfahrungen verändern und erweitern kann. Es vermag Gegenerfahrungen zu inszenieren und hinauszugreifen auf noch nicht gelebtes Leben. Allerdings wirkt dieser Erfahrungsüberschuss im Symbol, der menschliche Beziehungen initiieren, intensivieren oder abschwächen kann, nicht ohne das, was die Beziehungspartner in der geschenkten Blume zu erleben fähig und offen sind. Es wirkt auf Hoffnung und Vertrauen hin oder auf rückwärts gewandte Selbstbestätigung, auf Bestätigung enttäuschter Hoffnungen.

Unversehens ist vom Zwischenmenschlichen geredet worden, von dem, was an Konflikten, Irritationen, Überraschungen, Konventionen, Normen und Beziehungsformen zwischen Menschen Raum einnimmt. Ist es zugleich das Zwischen, von dem Ungaretti spricht, die "Zwischensache" zwischen einer gepflückten und der geschenkten Blume?

Seltsamerweise jedoch kennzeichnet Ungaretti dieses Zwischen als l`inesprimibile nulla, als das unausdrückbare Nichts, wo ich doch versucht habe, es als etwas auszudrücken, das uns nur zu bekannt ist, als zwischenmenschlicher Konflikt- und Erfahrungsraum. Warum sollte das, was sich zwischen einer gepflückten oder der geschenkten Blume abspielt oder was dazwischensteht, das unausdrückbare Nichts sein?

Andererseits kann Ungaretti für alltägliche zwischenmenschliche Erfahrungen, die ebenso problematisch wie banal sind, kaum die exzessive Formel nach Art eines dramaturgischen Schlusspunkts und Schlusseffekts notieren; l`inesprimibile nulla. Möglicherweise hat dieses Nichts nichts oder wenig zu tun mit den Erscheinungsweisen, unter denen Schenkungsrituale ablaufen, oder mit den psychischen Prozessen, in denen Pflücken einer Blume, Schenken und Beschenktwerden zu erleben sind.

Vermutlich muss hinter die psychische Struktur des Zwischenfeldes auf eine wesentlichere grundlegende und tiefe menschliche Ebene zurückgegangen werden. Was könnte l`inesprimibile nulla, das unausdrückbare Nichts, bedeuten?

Aber Guiseppe Ungaretti nennt sein Gedicht "Ewig" und nicht " Das Ewige". Eterno bezeichnet die Seinsweise. Die Dimension der Zeit kommt in den Blick, wodurch die Zeit selbst aufgehoben wird.

Die irreversible, vergehende, sterbliche Zeit ist nicht mehr Zeit, wenn sie ewig ist. Sie ist nur mehr ewige Gegenwart. Sterben und Tod sind dieser Gegenwart fremd. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir sterben müssen. Wahrheit ist sie, indem sie bewusst wird. Sie muss vergegenwärtigt werden. Die Zukunft des Todes kann als vergegenwärtigte allenfalls vor erlebt werden, anders erlebt werden, als sie sein wird, wenn sie gegenwärtig ist. Jetzt ist sie nur das Zukünftige unserer Zukunft und nicht das Gegenwärtige der Zukunft. Ewig ist allein das Gegenwärtige der Gegenwart. Aber das kann nicht bewusst sein. Es ist der in seiner Gestaltlosigkeit sozusagen dunkel erlebte Augenblick, der dem Bewusstsein unausdrückbares Nichts ist und bleiben wird.

Das Ich konstituiert sich erst im Verlust des Augenblicks als ein bewusstes. Die Gegenwärtigkeit der Gegenwart kann nie mehr zurückgewonnen werden, obwohl jede biographische Notiz, überhaupt jeder Gedanke den verlorenen Augenblick zurückzugewinnen sucht. " Dieses Buch ist ein Tagebuch" schreibt Ungaretti im Vorwort zu " allegria die naufragi". Und weiter: "Der Autor hat einen anderen Ehrgeiz... als eine schöne Biographie zu hinterlassen und wenn er irgendeinen Fortschritt als Künstler gemacht hat, so möchte er, dass dies nichts anderes bedeute, als dass er auch einige Vollkommenheit als Mensch erreicht hat. Er ist zum Mann gereift in mitten von außerordentlichen Ereignissen, denen er nie fern gestanden ist. Ohne je zu leugnen, dass die Dichtung auf Allgemeines sich richte, hat er immer gedacht, dass, wo etwas entstehen soll, das Allgemeine, durch ein aktives geschichtliches Gefühl hindurch, mit der einzelnen Stimme des Dichters übereinstimme müsse."

Ist es die Verbindung von Allgemeinem, Universalem, Ewig gültigem mit der historische bestimmten Individualität, mit dem sterblich vergänglichen Einzelwesen, auf die Ungarettis Gedicht zielt? Das wäre der Versuch, die Konfrontation mit Sterben und Tod aufzunehmen; das wäre der Versuch, der brüchigen Konstitution des Ichs im Werden und Vergehen entgegenzutreten. Zwischen einer gepflügten Blume und der geschenkten. Dieses Zwischen ist nicht die Ebene psychischer Prozesse. Es betrifft den grundlegenden Zusammenhang von Universalem und Individuellem, Allgemeinem und Besonderem, Leben und Tod. Wissen wir noch, dass Flüchtigkeit und Schwanken paradoxerweise und widersprüchlicherweise dauerhaftes Wesensmerkmal menschlichen Existierens ist? Die Kontingenz des Individuellen ist radikal. Sie lässt sich nicht auflösen es sei denn unter Verlust der Humanität. Es geht nicht um den Plural Blumen, sondern um den Singular der einzelnen geschenkten Blume.

Die Blume, Rose oder Nelke, die dem Polizisten vor Mutlangen oder Wackersdorf geschenkte Blume ist wohl auch Symbol vertrauensvoller, ungeschützter, offener Zuwendung, Hoffnung zwischen gegenüber aller Art von Bewaffnung. Aber als die geschenkte Blume ist sie noch in einem tieferen Sinn Zeichen des Lebens: Sie, die einzelne, ist der Verflüchtigung, dem Verwelken, dem Tod unterworfen und repräsentiert in dieser Vernichtung zugleich das Leben. Ein Leben nämlich, das in seiner Vereinzelung unausdrückbar auf Ewiges verweist, weil es des Todes bewusst bleibt.

Was das angesichts Mutlangens und Wackersdorfs bedeutet, muss nicht weiter ausgeführt werden.

Die geschenkte Blume ist keine Blume mehr, ihre schöpfungsmäßige Einheit mit den Blumen und allem Lebenden ist verloren. Schon indem ich eine einzelne Blume des Feldes ansehe, sie wähle und mir zum Gegenüber mache, ist sie als diese eine nicht mehr irgendeine. Sie ist gleichsam als eine andere neu geschaffen. Sie hat eine Qualifikation gewonnen, indem sie eine andere verloren hat.

Ich bin ich und niemals ein anderer als ich. Unausdrückbares Nichts steht zwischen mir und jedem anderen, zwischen mir und meinen nächsten Partnern. Alles Ausdrückbare, alles Vertraute im fremden Anderen betrifft die Oberfläche von Beziehungen, nicht jedoch mein Leben und Sterben, Einheit und Trennung. Im unausdrückbaren Nichts ist die Einsamkeit angesichts des Todes gegenwärtig.

Und doch ist bei Ungaretti Ahnung von etwas anderem in der Ewigkeit des unausdrückbaren Nichts. Das Nichts wird zum ganzen Universum, zur Fülle. Zwischen einer gepflückten Blume und der geschenkten liegt alles, liegt das ganze Universum. Aber es bleibt das unausdrückbare Nichts.

Allein die ästhetische Repräsentation ( im Gedicht, im Kunstwerk, in der Malerei) scheint dem Absoluten näherungsweise adäquat zu sein. In wechselnden symbolischen Formen, fragil aufgebaut, so formuliert Hart Nibbrig, kann es zur poetischen Berührung mit dem Absoluten kommen an der Grenze, an seinen Rändern. Nicht logisch kann das herausgearbeitet werden, sondern nur analogisch zur Darstellung kommen.

Darum muss ich zurückkehren zu der irritierenden Banalität der Bilder: eine gepflückte Blume die geschenkte Blume.

Nicht zuletzt spielt sich in allen Einheitssehnsüchten und Vereinnahmungs-ängsten als psychischer Prozess von Leben und Sterben ab, was in der tiefen Seinsbasis unausdrückbar ist. Darum ist das Gedicht zugleich Ausdruck von Zweifel und Wahrheit, von Verzweiflung und Hoffnung. Es hält darin die Frage wach, wie die Leichtigkeit des Lebens (l`allegria) Angesicht der Vereinzelung und des Todes wahrgenommen werden kann. Es darf nicht vergessen werden: Die Gedichtsammlung trägt den Titel "Allegria die naufragi (Freude der Schiffbrüche)" Schiffbruch als Daseinsmetapher (Hans Blumenberg) darin weist sich unser Problem aus. Allegria als poetische Annäherung an Absolutes darin deutet sich ungreifbare Hoffnung auf Ewiges an.


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